Berichte von der Flucht

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An dieser Stelle berichte ich exemplarisch über die Flucht und die Beweggründe hierzu von einem Asylsuchenden, der bei uns in Cadenberge für Wochen in der Notaufnahme lebte.

Um die engsten Verwandten, die sich noch im "Gefahrengebiet" zuhause aufhalten nicht zu gefährden, sind die persönlichen Daten verändert, die Fotos unkenntlich zu machen gewesen.

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Damaskus  (große Teile sind auch hier inzwischen zerstört!)

 

 

 

 

Alim ist jetzt 22 Jahre alt. Hier in der Notaufnahme in der Sporthalle der Berufsbildenden Schulen Cadenberge lebt er seit einigen Wochen.

Alim stammt aus Syrien, genauer gesagt aus Damaskus. Dort lebte er früher zusammen mit seinen Geschwistern und seinen Eltern in einer "gut situierten" Familie. Er hat einen gymnasialen Schulabschluss. Der Vater ist von Beruf Diplomingenieur.

Vor 3 Jahren erhielt er die Einberufung zur staatlichen syrischen Armee also der Armee der syrischen Baath-Regierung unter Baschar al-Assad. Hier zu dienen hätte bedeutet, dass er als Soldat seine Waffe z.B. gegen die  "Freie Syrische Armee" (arabisch ‏الجيش السوري الحر‎) und damit gegen die eigene Bevölkerung hätte richten müssen. Die offizielle syrische Armee ist auch dafür berüchtigt, dass sie Fassbomben gegen die eigene Zivilbevölkerung einsetzt. Um diesem "Dienst" zu entkommen, gab es nur die Möglichkeit der Flucht. 



Diese führte Alim im

  • Dezember 2012  in den Libanon. Dort blieb er 4 Tage.





Von dort floh er weiter im

  • Dezember 2012 nach Algerien

Hier lebte Alim fast 3 Jahre.

 

 

  •  Am 10.10. 2015 erreichte er per Flugzeug von Algerien die Türkei (Istanbul).
  • Er flog von dort mit dem Flugzeug nach Bodrum (Türkei, direkt am Mittelmeer gelegen).

Die "typische Route von Bodrum aus führt mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer nach Europa - zur griechischen Insel Kos.

 

Für die "Überfahrt" mit dem Schlauchboot waren an die Schlepper 1000,-- Dollar zu zahlen.

Das Schlauchboot hatte die ungefähren Innenmaße von 10 m Länge und 1,5 m Breite.

Auf diesem Boot waren 57 Menschen 2,5 Stunden stehend zwischen Leben und Tod. Mit Glück erreichte das Boot bei ruhiger See die Insel Kos.

Das Foto entstand nach der Ankunft auf Kos.

Während der Überfahrt war aufgrund der Enge natürlich kein fotografieren möglich.

 

 

 

  • Am 16.10. 2015 Ankunft in Europa - in Sicherheit?

Auf Kos blieb Alim 2 Tage. (Ankunft war am 16.10.2015).

Die griechischen Behörden stellten ein Papier aus, dass zum

6 -monatigen Aufenthalt in Griechenland berechtigte.

(Dieses Dokument ist durch die starken Regenfälle auf der Flucht durch Serbien nach Kroatien stark durchnässt worden).

Hier wurden Erkundigungen über den weiteren Verlauf der Flucht eingezogen.

Das internetfähige Handy erwies sich schon hier als absolut erforderlich; einerseits, um Kontakt zu halten aber besonders auch, um sich zu orientieren. (GPS)!

Ohne Handy wäre eine Flucht nicht möglich gewesen!



Von Kos ging es weiter mit einer Fähre nach Athen.

Hier blieb Alim nur 3 Stunden. Es gelang ihm, mit einem Bus nach Gevgelija  zu fahren. Natürlich musste diese Fahrt bezahlt werden.


Hier entstanden die Fotos


Die rote Markierung zeigt den Grenzort Gevgelija
Die rote Markierung zeigt den Grenzort Gevgelija


Das griechische Camp in 

Gevgelija (Grenzort an der griechisch-mazedonischen Grenze).


 

 

Von 23.00 Uhr bis zum nächsten Tag um 9.30 Uhr musste gewartet werden, bis die 300 Meter zum mazedonischen Camp zu Fuß gegangen werden durften.

 

 

Dort,  in Mazedonien gab es dann etwas zu Essen und auch Getränke.

 

Da es ab dem mazedonischen Camp keine Möglichkeit gab mit dem Zug zur Grenze nach Serbien zu fahren, nahmen sich immer mehrere Flüchtlinge zusammen ein Taxi. Diese Fahrt dauerte 4 Stunden.

(Bei allen Schilderungen wurde deutlich, dass sich entlang der typischen Flüchtlingsrouten eine entsprechende Infrastruktur gebildet hat - Busse fahren, Taxen fahren, wobei beides privat abläuft und kräftig gezahlt werden muß!)


In der "Nähe" der serbischen Grenze endete die Taxifahrt. Ca. 6 km zum serbischen Camp sollten es noch sein. Diese Strecke wurde zu Fuß zurück gelegt. Zwischenzeitlich hatten starke Regenfälle eingesetzt. Es war dunkel, die Wege voller Schlamm. Die Handykarten, die in Griechenland gekauft worden waren, funktionierten nicht mehr. Niemand wußte genau, wo es lang ging. Der "Treck" bestand inzwischen aus etwa 2000 Menschen. Plötzlich tauchten im Dunkel Schatten auf, so schildert Alim weiter. Es waren Polizisten. Sie riefen: 

"Keine Angst! Sie sind jetzt sicher! Wir sind hier, um Ihnen zu helfen!".  Diese Polizisten waren deutsche Polizisten, die mit 2 Polizeiautos gekommen waren. Mit den Scheinwerfern leuchteten sie uns den schlammigen Weg aus. Hierdurch wussten wir wieder die Richtung, in die wie alle gehen mussten. (Vermutlich waren die Polizisten - Bundespolizisten -  im Auftrag der Grenzschutzagentur Frontex dort im Einsatz.).

Im nächsten Dorf wurde uns von Einheimischen berichtet, dass das Camp doch noch mehr als 10 km entfernt sei. Wir nahmen daher mal wieder ein Taxi für diesen Weg.

Die rote Markierung zeigt auf den Ort Sid in Serbien an der kroatischen Grenze
Die rote Markierung zeigt auf den Ort Sid in Serbien an der kroatischen Grenze

4 Stunden verbrachten wir in diesem "Camp" in Serbien. Erneut ging es mit einem Taxi weiter zur Grenze nach Kroatien. Die Fahrt dauerte 10 Stunden.

Das "Camp" in Šid - verdient wie so viele zuvor -  den Begriff "Camp" nicht! Es bestand aus 2 Zelten für über 2000 Menschen. Über 10 Stunden verbrachten die Flüchtlinge hier in Regen und Matsch. Ohne jedwede Versorgung.35 km waren zurückzulegen, um in das "Camp" in Kroatien zu gelangen. Fahrzeuge der kroatischen Polizei führten den "Treck" an. In Kroatien angekommen, vielen alle vollkommen erschöpft draußen in den Schlaf, unter freiem Himmel. Es war kalt, matschig und ein starker "Gestank" lag über dem "Lager".

Hiernach wurden die Flüchtlinge mit Bussen (kostenfrei) zum nächstgelegenen Bahnhof gefahren. Dieser lag etwa 90 Fahrminuten entfernt. Von dort ging es mit dem Zug zur slowenischen Grenze.



Ca. 1 km vor der slowenischen Grenze endete die Zugfahrt. Bis zur Grenze ging es zu Fuß weiter. In Slowenien mussten abermals 15 km bis zum "Camp" überwunden werden. Es war wieder sehr matschig, es gab keine Zelte, kein Essen, keine Getränke und es war sehr sehr kalt.

Die Menschen brachen sich Zweige von den Bäumen und versuchten, damit Feuer zu machen und sich so etwas zu wärmen.





Einige Flüchtlinge wurden gezwungen, sich registrieren zu lassen. Alim musste dies auch tun. Er erhielt dafür Unterlagen, die ihm einen 6-monatigen Aufenthalt in Slowenien erlaubten.

  • Dies geschah am 20.10.2015.

Es ging in ein anderes Camp, nur wenige Meter entfernt. Hier gab es Essen, Bekleidung, ein Bett für 4 Stunden - alles vom "Roten Kreuz" organisiert. Hier wurde auch übernachtet.


(Auf meine Fragen, wie es denn möglich war, unterwegs die Handys aufzuladen berichtete Alim, dass dies unterwegs sowohl an Tankstellen, wie auch privat bei Anwohnern oft möglich war).

Am folgenden Morgen wurden die vielen Flüchtlinge mit Bussen zum nächsten Camp an der Grenze zwischen Slowenien und Österreich gebracht. Dieses Camp war vom "Roten Kreuz" geführt. Es gab ein riesiges Zelt, mit Heizung und die erste warme Malzeit nach 11 Tagen. Für eine Nacht blieben alle hier.

Erst dann öffnete Österreich die Grenze.


Hier in Österreich ging es erneut in ein "Camp". Es gab kein Essen, kein Trinken, keine Betten. Es war wieder mal ein  "Camp", dass diesen Namen nicht verdient. Wohlgemerkt, auf österreichischer Seite. Alim versuchte hier, aus dem "Camp" zu entweichen, um auf eigene Faust nach Deutschland zu gelangen. Dies klappte nicht, 3 Panzerspähwagen waren zur "Sicherung" des "Camps" eingesetzt. Deren Besatzung holte die "flüchtenden Flüchtlinge" zurück! 

Erst Tags darauf gelang es, mit einem Taxi an die deutsche Grenze zu kommen.

Von dort aus ging es weiter mit dem Zug nach Passau.

Hier, in Passau wurden allen Flüchtlingen Abdrücke vom rechten Zeigefinger genommen -  es gab Essen und in bereitstehende Sonderzüge musste eingestiegen werden. Niemand wußte, wohin es geht. Der von Alim benutze Zug fuhr nach Hannover. Hier musste nach mehr als 10 Stunden Zugfahrt i n bereitstehende Busse umgestiegen werden. Erst bei der Ankunft in Cadenberge wurde allen von dem Camp-Dolmetscher der Johanniter mitgeteilt, wo sie sich nun befinden würden.


Ein neues Leben in Frieden beginnt in unserer Heimat, fernab der eigenen für Alim!


Ich wünsche ihm von Herzen "Alles erdenklich Gute"!

Und ich Danke für die Bereitschaft, diese Flucht - beispielhaft - für uns alle zu schildern


Der Traum von Sicherheit –

Was Frauen auf der Flucht erleiden

Ein Film von Naima El Moussaoui und Lukas Roegler

„Sie standen plötzlich nachts in meinem Zimmer. Einer hielt mir den Mund zu, der andere kam zu mir ins Bett.“ Lydia (der Name ist geändert) denkt, sie ist endlich in Sicherheit. Dann wird sie vergewaltigt. In einem deutschen Flüchtlingsheim.

Fast 70 Prozent der Flüchtlinge in Deutschland sind Männer. Immer wieder ist zu hören, man solle erst einmal hilflosen Frauen und Kindern helfen, statt den vielen jungen Männern. Aber schützen wir überhaupt Frauen und Kinder, die es hierher schaffen? Und warum kommen so wenige Frauen in Deutschland an? Was ist anders für Frauen auf der Flucht?

 

Ein ARD-Film/WDR 

 

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